Peter Weiss: Aspekte und Struktur der Kunst des Widerstands

Ziel dieses kurzen Beitrags ist die Beleuchtung unterschiedlicher struktureller und erzähltechnischer Aspekte der „Ästhetik des Widerstands“ von Peter Weiß. Der Fokus liegt dabei auf der Struktur des Textes, auf den Besonderheiten des Textes bzgl. Textgestaltung, Grammatik und Orthographie und auf Hinweisen zu Gattung, Erzählperspektive, Ort, Zeit und Erzähltechniken.

Strukturelles und Erzähltechniken der Ästhetik des Widerstands (eigene Darstellung)

 

1. Struktur

  • Die Ästhetik des Widerstands von Peter Weiß ist eine über tausendseitige Trilogie.
  • Die drei Bände bestehen jeweils aus zwei Teilen, die mit “I” und “II” überschrieben sind.
  • Der Fokus der weiteren Betrachtungen liegt auf dem ersten Band der Trilogie.
  • Insgesamt besteht der erste Band der Ästhetik des Widerstands aus 31 “Kapiteln”, wobei “I” 16 und “II” 15 Kapitel umfasst.
  • Die “Kapitel” sind nicht nummeriert oder betitelt; sie wirken bei der Lektüre angesichts des Textsatzes eher wie Atem-, Augen- oder Denkpausen.

2. Besonderheiten des Texts

  • Zur äußerlichen Textgestaltung kann gesagt werden, dass der Text grafisch im Blocksatz gesetzt ist; es gibt keine Absätze.
  • Die äußerlich kompakte Bauform unterstreicht den inhaltlich dichten Textkomplex.
  • Der Satzbau ist ebenfalls relativ komplex und insbesondere durch lange Sätze gekennzeichnet.
  • Die Sätze sind parataktsch gebaut; also eine Aneinanderreihung von durch Kommata getrennten Sätzen.
  • Teilweise findet sich ein hypotaktischer Satzbau; also verschachtelte Satzgebilde mit Nebensätzen.
  • Hinsichtlich der Interpunktion fällt auf, dass nur Punkte und Kommata als Satzzeichen genutzt werden. Anführungszeichen beispielsweise zur Kennzeichnung der wörtlichen Rede, Fragezeichen zur Kennzeichnung von Fragen, Ausrufungszeichen oder Gedankenstriche fehlen völlig (vgl. Zitat 7).
  • Auch die Orthographie und die Grammatik sind als durchaus eigenwillig auszumachen: Oftmals wird das unbetonte e ausgelassen (vgl. Zitat 3), die Schreibung von Jahreszahlen geschieht immer nach demselben unkonventionellen Muster (vgl. Zitat 4). Außerdem sticht die häufige Nutzung von Partizipien – hier insbesondere des Partizips Präsens Aktiv – hervor (vgl. Zitat 7).

3. Überlegungen zur Gattung

  • Die Ästhetik des Widerstands ist mit der Gattungsbezeichnung Roman versehen.
  • Es bleibt die Frage offen, um was für eine Art von Roman es sich handelt: Bildungsroman, Entwicklungsroman, Zeitroman, Kunstroman?
  • Peter Weiß bezeichnet die Ästhetik des Widerstands auch als Roman-Essay.

4. Erzählperspektive

  • In der Ästhetik des Widerstands wird die Perspektive des Ich-Erzählers genutzt.
  • Der Ich-Erzähler taucht erst nach einigen Seiten offensichtlich auf (vgl. Zitat 1) (vgl. Zitat 2) (vgl. Zitat 3).
  • Er verbleibt namenlos, erzählt als sich erinnerndes Ich, aber nicht mit einem zeitlichen Abstand zum Geschehen, sondern aus der Zeit heraus.
  • Der Ich-Erzähler kann wie folgt grob biografisch und charakterlich skizziert werden: Er wurde am 18. November 1917 geboren und ist jetzt Gelegenheitsarbeiter in Berlin. Seine Eltern sind Ende 1934 aus politischen Gründen in die Tschechoslowakei zurückgekehrt. er selbst besuchte eine Schule der kommunistischen Partei, hat seinen Abschluss aber wegen der Machtergreifung nicht machen können. Er vertritt die politischen Ideale der kommunistischen Parte und geht nach Spanien, um sich dort politisch zu engagieren. Gemeinsam mit seinen Freunden rezipiert und interpretiert er Kunst und macht sie in der Interpretation für sich zugänglich und nutzbar.
  • Peter Weiß bezeichnet die Biografie des Ich-Erzählers als seine eigene “Wunschbiografie”; seine sich selbst “rot geträumte Welt”.
  • Es tauchen auch immer wieder weitere Personen auf, mit denen der Ich-Erzähler in Interaktion tritt – zumeist in Gesprächen. Aus deren Perspektive wird aber nicht erzählt; vielmehr gibt es zwischen diesen Personen und dem Ich-Erzähler Gespräche, von denen er berichtet oder an denen er direkt teilnimmt.

5. Ort & Zeit

  • Der erste Band der Ästhetik des Widerstands spielt im Teil “I” in Deutschland (Berlin und Warnsdorf); der Teil “II” spielt Spanien (Albacete und Denia).
  • Startzeitpunkt des Romans ist der Tag des 22. September 1937; danach werden die Ereignisse von diesem Datum ausgehend erzählt; es gibt aber auch Rückblenden.
  • Es wird die Fiktion des zeitdeckenden Erzählens erweckt, d.h. eine Erzählung aus der Zeit heraus ohne einen Jahre später sich erinnernden, rückblickenden Standpunkt.

6. Erzähltechniken

  • Es sind verschiedenste Erzähltechniken im Text zu finden, die sich teilweise überschneiden und bei denen situativ entschieden werden kann, welche Erzähltechnik auf welche Textstelle zutreffen kann:
  • Bericht > Schilderung eines Sachverhalts, einer Handlung, Beschreibung beispielsweise eine Kunstwerks.
  • Überblendung > fließende Übergänge von einer Szenerie zur nächsten, von einem Detail zum nächsten, von einem Thema zum nächsten (vgl. Zitat 6).
  • Rückblende > macht den Leser mit einem Ereignis vertraut, das zeitlich vor dem derzeit geschilderten Ereignis stattgefunden hat, z.B. durch Erzählung von Erinnerungen (vgl. Zitat 5).
  • Gedankenstrom > Darlegung von Bewusstseinsinhalten, in durchaus ungeordneter Form, subjektive Wahrnehmungen, Gedanken, Assoziationen, Gefühle und Reflexionen der handelnden Personen (vgl. Zitat 7).
  • Montage > Zusammenfügen von Textteilen, Intertextualität, vor allem bei Anspielungen Kunstwerke (vgl. Göttliche Komödie, Pergamon-Altar etc.).
  • Collage > Zusammenfügung von Ausschnitten, Eindrücken in gerade ablaufende Dialoge (vgl. Beschreibung des Pergamon-Altarfrieses).
  • Dialog > Gespräch zwischen zwei oder mehreren Personen; finden nahezu ständig statt; dienen dem Reflektieren, dem Überlegen, dem Interpretieren, dem Diskutieren, dem Austauschen von Standpunkten, treiben jedoch die Handlung nicht voran.
  • Monolog > Vermittlung der Gedankengänge des Ich-Erzählers (innerer Monolog).

7. Ausgewählte Textbelege

  1. „Ein leises Klingen und Rauschen tönte auf hin und wieder, das Hallen von Schritten und Stimmen umgab uns Augenblicke lang, und dann war aufs neue nur diese Schlacht nah, unser Blick glitt über die Zehen in der Sandale, sich abstoßend vom Schädel eines Gestürzten, über den Sterbenden, dessen lahmwerdende Hand zärtlich auf dem Arm der Götting lag, die ihn am Schopf hielt.“ (S. 10)
  2.  „Coppi wandte sich ihm zu, aufmerksam, mit breitem scharfgezeichnetem Mund, großer, vorstoßender Nase, und wir gaben den Gegner in diesem Gemenge ihre Namen und besprachen, im Schwalle der Geräusche, die Anlässe des Kampfs.“ (S. 11)
  3.  „Auch Heilmann, unser Freund, trug das braune Hemd, mit aufgekrempelten Ärmeln, den Schulterriemen, die Pfeifenschnur, den Dolch an der kurzen Hose, doch er trug diese Kleidung als Tarnung, als Tarnung für seine eignen Erkenntnisse, und als Tarnung für Coppi, der nach illegaler Arbeit kam, und für mich, der ich bereit war zum Aufbruch nach Spanien.“ (S. 15)
  4.  „So standen wir am zweiundzwanzigsten September Neunzehnhundert Siebenunddreißig, ein paar Tage vor meiner Abreise, vor dem vom Burgberg Pergamons hergeholten und wiederaufgebauten Altarfries, der einst, farbig, bemalt und mit gehämmerten Metallen ausgelegt, das Licht des ägäischen Himmels widergestrahlt hatte.“ (S. 11)
  5.  „Hier wurde ich am achten November Neunzehnhundert Siebzehn geboren. Mein Vater hatte an der Weserwerft Anstellung gefunden und war, durch seine Tätigkeit im Arbeiterbildungsverein, in Verbindung gekommen mit der Zeitung der Arbeiterpolitik, die nahe Beziehungen zum Spartakusbund unterhielt.“ (S. 39)
  6.  „Heilmann wies auf die verschwimmende Nachtgöttin Nyx, die, mit lieblichem Lächeln, ihr Gefäß voller Schlangen einem Niedergedrückten entgegenschleuderte, auf den vom offenen Mantel umwogten Zeus, der mit der wollenen Ägäis, dem Fell des Verderbens, drei Gegner zusammenpeitschte, und auf Eos, Göttin der Morgenröte, wolkengleich reitend vor dem aufsteigenden Doppelgespann des nackten Sonnengotts Helios. So bricht, sagte er sanft, nach dem furchbaren Gemetzel, ein andrer Tag heran, und jetzt wurde es laut in dem glasüberdeckten Raum vom Schaben der Füße auf glattem Boden, vom tickenden Echo der Schuhsohlen auf den steilen Stufen, die an der aufgebauten Westfront des Tempels hinführten zu den Säulengängen des Innenhofs.“ (S. 14)
  7.  „Jede Einzelheit ihre Ausdruck bewahrend, mürbe Bruchstücke, aus denen die Ganzheit sich ablesen ließ, raue Stümpfe neben geschliffner Glätte, belebt vom Spiel der Muskeln und Sehnen, Streitpferde in gestrafftem Geschirr, gerundete Schilde, aufgereckte Speere, zur rohem Oval gespaltner Kopf, ausgebreitete Schwingen, triumphierend, erhobner Arm, Ferse im Sprung, umflattert vom Rock, geballte Faust am nicht mehr vorhandnen Schwert, zottige Jagdhunde, die Mäuler verbissen in Lenden und Nacken, ein Fallender, mit dem Ansatz des Fingers zielend ins Auge der über ihm hängenden Bestie, vorstürzender Löwe, eine Kriegerin schützend, mit der Pranke ausholend zum Schlag, mit Vogelkrallen versehne Hände, Hörner aus wuchtigen Stirnen ragend, sich ringelde Beine, mit Schuppen besetzt, ein Schlangengezücht überall, im Würgegriff um Bauch und Hals, zündelnd, die scharfen Zähne gebleckt, einstoßend auf nackte Brust.“ (S. 9)

Quellen

Peter Weiß: Die Ästhetik des Widerstands. Frankfurt am Main: Suhrkamp. Neuauflage 2005.
Karen Hvidtfeldt Madsen: Widerstand als Ästhetik: Peter Weiss und “Die Ästhetik des Widerstands”. Wiesbaden: Deutscher Universitätsverlag. 1. Auflage 2003.